Anpassungsfähigkeit als Erfolgsfaktor: Lernen von der Natur


Klimawandel und Digitalisierung fordern Unternehmen heute immer mehr zum Umdenken heraus. Die Wirtschaft muss sich neuen Gegebenheiten stets anpassen, um in der Zukunft zu bestehen. Für viele Firmen und Führungskräfte ist das oftmals schwierig, in der Natur jedoch gang und gäbe. Consulting-Strategen nutzen diese Erkenntnis und zeigen auf, was uns Evolution und Bionik lehren.

Es ist inzwischen schon fast eine Binsenweisheit: Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen. Passen sich Unternehmen nicht ausreichend an gesellschaftliche und umwelttechnische Veränderungen unserer Zeit an, kommen sie zunehmend in große Schwierigkeiten. Nicht nur die akute Corona-Pandemie erfordert neue Wege bei der Organisation von Geschäftsprozessen. Schon seit Jahren wirken sich die schnell voranschreitende Digitalisierung und der zunehmende Klimawandel auf die Strukturen der meisten Firmen aus, über alle Branchen hinweg. Kein Wunder also, dass Lösungsansätze in diese Richtung mittlerweile ein Kerngeschäft für Consulting-Spezialisten sind. Einige von ihnen verzichten allerdings darauf, selbst möglichst schlaue künstliche Konzepte zu entwickeln, sondern blicken verstärkt auf die Natur.

Tiere und Pflanzen hatten sich seit jeher an veränderte Umweltbedingungen anzupassen und die Evolution zu meistern, wenn sie langfristig überleben wollten. So mussten sich zum Beispiel Bäume fortlaufend neuen Umwelteinflüssen stellen und können unter gewissen Bedingungen auch in unseren heutigen Städten gut leben, für die sie ursprünglich nicht geschaffen waren. Wie schon Charles Darwin feststellte, kommen nur die Stärksten und Wandlungsfähigsten durch. Diese Erkenntnis kann von der Biologie getrost auf die Wirtschaft übertragen werden.

Bionik nicht nur technologisch nutzen

Das Forschungsfeld der Bionik ist als solches bereits seit den 1960er Jahren bekannt. Es dient dazu, natürliche Funktionsmodelle aus der Biologie auf die Technik zu übertragen. Bekannt ist etwa der Lotus-Effekt, bei dem das wasserabweisende Prinzip der Oberfläche von Lotus-Pflanzen beispielsweise für Glasscheiben genutzt wurde. Oder die Aerodynamik von Vögeln: Sie lieferte wichtige Erkenntnisse für die Entwicklung von Flugzeugen. Seit einigen Jahren finden sich aber auch in der Wirtschaft immer mehr Denkansätze, die Wirkungsweisen der Natur für ihre Zwecke umsetzen.

Projektmanagement-Lösungen wie Scrum oder Design-Thinking basieren auf evolutionären Prinzipien wie der Versuchs-Irrtums-Entwicklung. Organisationsmodelle wie das Viable Systems Model von Stafford Beer bauen im Rahmen der Kybernetik auf natürliche Intelligenz zur Analyse und Optimierung von Geschäftsprozessen. Es geht darum, Unternehmen und Arbeitskräfte als lebendige Organismen zu managen und nicht als fixe Räder im Gesamtgetriebe zu begreifen. Auch die Schwarmintelligenz, wie zum Beispiel bei Fischen oder Vögeln, kann ein brauchbares Vorbild sein, was Marktforschung oder Steuerung von Beschäftigten angeht. Für all diese Prinzipien ist ein lebenslanges Lernen notwendig, welches sich positiv auf die Produktivität und letztlich auch die Kundenzufriedenheit eines Unternehmens auswirkt.

Natürlicher Dreiklang als Vorbild zur Geschäftsentwicklung

Anhand des Reifungsprozesses einer Pflanze kann ein Grundgerüst für die gelungene Genese eines Unternehmens bzw. einer Geschäftsidee abgeleitet werden. Die Unternehmensberater um Victoria Gerards haben dies am Modell eines Entwicklungsdreiklangs verdeutlicht. So wie die Pflanze wächst, kann auch das ökonomische Vorhaben erfolgreich gedeihen. Folgende Punkte bilden dabei die einzelnen Entfaltungsstadien ab:

  1. Motivation: Am Anfang der Pflanze steht ein unscheinbares Samenkorn, aus dem langsam ein Keimling wächst. In ihm ist alles angelegt, was das Gewächs braucht. Analog dazu sollte bei Unternehmen zu Beginn festgestellt werden, wohin die Entwicklung gehen soll und welche Mittel dafür zur Verfügung stehen. Stärken, Potenziale und Beweggründe sind zu eruieren.
  1. Umsetzung: In der zweiten Phase bricht der Keimling der Pflanze durch die Erde und beginnt an der frischen Luft sichtbar zu wachsen. Das bedeutet für Unternehmen, alles für die Entfaltung der eigenen Potenziale zu tun und sie innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen entschieden zu fördern.
  1. Tatkraft: Zum Schluss wächst die Pflanze zu ihrer vollen Größe heran und trägt ihre ersten Früchte bzw. beginnt zu blühen. An dieser Stelle gilt es für Unternehmen, ihre erkannten Stärken bewusst auszuleben, um Erfolg zu ernten.

Zentrales Element dieser Analogie zwischen Pflanzen- und Unternehmenswachstum ist einerseits der Fokus auf sich selbst: So wie die Pflanze nicht andere Artgenossen imitiert und nach ihren eigenen Möglichkeiten wächst, sollten sich Unternehmen nicht ständig an Mitbewerbern orientieren, sondern die eigenen Stärken bewusster nutzen. Zum anderen geht es um eigenverantwortliches Handeln, um bei Widrigkeiten voranzukommen. So wie die einzelne Pflanze Hindernisse umwächst, sich dem Licht zuneigt oder tiefere Wurzeln schlägt, um an Wasser zu gelangen, sollte in Unternehmen ein jeder selbst überlegen: Wie kann ich meine Stärken zum Erreichen des Geschäftsziels individuell und effektiv einbringen? Wo muss ich mich verändern? Selbststeuerungskompetenzen zu schärfen ist demnach essenziell zum Durchhalten.

Vielfalt und Adaptivität leben

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Immer häufiger verweisen Consulting-Experten auch auf die Artenvielfalt in der Natur, die gerade heutzutage verstärkt auf Unternehmen übertragen werden müsse. Schließlich trage Biodiversität zur gewünschten Anpassungsfähigkeit und somit wiederum zum Überleben bei. Zudem mache eine große Form- und Farbenvielfalt eben auch die Schönheit und Attraktivität der Natur aus. Das heißt für Unternehmen, aus Schubladendenken auszubrechen und bei Beschäftigten, Geschäftspartnern und Kunden über Geschlechter, Hautfarben und Altersstufen hinweg breit zu denken. Es gilt, von diesen Parametern unabhängige neue Interaktionsmuster, Führungsmodelle und Lösungsansätze zu entwickeln. Diversere Teams sorgen für verschiedene Blickwinkel, Denkweisen und Problemlösestrategien. Dadurch schaffen sie es, mehr Ideen zu generieren und Probleme schneller und kreativer für das Vorankommen des Unternehmens zu lösen als homogene Belegschaften. Dies wiederum steigert auch die Attraktivität der Außenwahrnehmung und zahlt auf den guten Ruf der Firma ein.

Diversität kann allerdings ebenso gut auf der Produktebene eine Rolle spielen: Eine größere Produktvielfalt erlaubt es Unternehmen, verschiedenste Bedürfnisse von Kunden in unterschiedlichen Regionen abzudecken und sich mehrere Standbeine zum Überleben zu sichern. Wichtig ist hierbei jedoch wieder die Adaptivität. Schließlich zählen nicht sperrige Größe und maximale Geschwindigkeit um ihrer selbst willen, sondern die Fähigkeit, sich beharrlich und flexibel auf veränderte Umfeldbedingungen einzustellen.

Forschung und Consulting verbinden

Für Unternehmen, die an der Umsetzung natürlicher Vorbilder für ihr Geschäft interessiert sind, gibt es im mittelbaren Consulting-Umfeld Hilfe. Viele Unternehmensberatungen sind inzwischen schon auf Bionik spezialisiert. Zusätzlich können sich interessierte Firmen aber auch unmittelbar die Expertise der Wissenschaft zunutze machen. Der Verein Biokon etwa bietet als Forschungsgemeinschaft Orientierung für Mitglieder aus der Wirtschaft. Mit einer gezielten Innovationsberatung über einen individuellen Analyseansatz wartet derweil das Institut für Bionik der Westfälischen Hochschule auf.

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