Risikomanagement in der neuen ISO 9001 – alter Wein in neuen Schläuchen?

Nach der Einführung der DIN EN ISO 9001:2015 fragen sich viele Interessierte was sich ändert und was getan werden muss. Die Forderung nach der Betrachtung von Chancen und Risiken stellt viele vor neue Herausforderungen. Ist nun ein komplexes Risikomanagement zu implementieren? Auch die Differenzierung zwischen dem neuen risikobasierten Ansatz und der bereits bekannten Forderung von Vorbeugemaßnahmen aus der alten Norm werfen Fragen auf. Handelt es sich hier gar um dasselbe? Was gilt es zu beachten? Was zu unterscheiden?

Vorab, die Normrevision fordert kein umfängliches Risikomanagementsystem wie es beispielsweise erschöpfend in BWL Büchern und anderen Normen beschrieben wird. Vielmehr verlangt die Norm, gezielt diejenigen Risiken und Chancen die von Produkten/ Dienstleistungen und von den dazugehörigen Prozessen ausgehen zu identifizieren. Dabei beschränken sich die Anforderungen auf das Auffinden der Risiken und Chancen sowie die Festlegung von geeigneten Maßnahmen in Abhängigkeit von den möglichen Auswirkungen auf die Konformität von Produkten und Dienstleistungen. Ein umfangreiches Risikomanagementsystem wird hingegen nicht gefordert. So spricht die Norm beispielsweise keine isolierten Umweltrisiken oder Aspekte der Finanzrisiken an.

Was sind jetzt Risiken im Sinne der Norm und noch viel wichtiger wie sollen diese geprüft und dokumentiert werden?

Bei der Herstellung von Produkten oder bei der Ausführung von Dienstleistungen können viele Risiken und Chancen auftreten. Bei jedem Prozess besteht das Risiko das einzelne Prozessschritte von den Vorgaben abweichen, was keine oder schwerwiegende Folgen, wie Schäden oder existenzielle Probleme, nach sich ziehen kann.

Bei Produkten oder Dienstleistungen können zum Beispiel Risiken beim Einkauf, der Lagerung, der Herstellung oder während der Beratung entstehen. Alle Risiken können im besten Fall mit einem geringen finanziellen Schaden und im schlimmsten Fall mit weitreichenden unternehmensbedrohenden Konsequenzen einhergehen, was zeigt, dass es dieser Teil der Norm in sich hat und man ihm genügend Beachtung schenken sollte!

Genauso verhält es sich letztlich auch mit den Chancen. Zum Beispiel die Beobachtung des Marktes und die Umsetzung von Maßnahmen im Hinblick auf Chancen wie neue Produkte, neue Märkte oder strategische Partnerschaften sind für nahezu jedes Unternehmen ein wichtiger Punkt zur Existenzsicherung und Wachstum.

Bei potentiellen neuen Tätigkeitsfeldern gilt es dann auch wieder zwischen Chancen und Risiken abzuwägen. Die möglichen Mehrumsätze bieten sicherlich finanzielle Chancen, aber eben auch mögliche Risiken.

Bei der Betrachtung von Risiken und Chancen in Prozessen und Produkten/ Dienstleistungen ist es wichtig auf zwei Punkte einzugehen:

  1. wie hoch ist die Eintrittswahrscheinlichkeit und
  2. wie hoch ist der denkbare Schaden bzw. Nutzen?

Nach der Beantwortung dieser Fragen ist zu priorisieren und zu entscheiden ob Maßnahmen einzuleiten sind, wie diese konkret aussehen und wie sie wirksam überprüft werden können. Bei der Festlegung der Maßnahmen ist die mögliche Auswirkung auf die Konformität von Produkten/ Dienstleistungen von entscheidender Bedeutung.

Zur Dokumentation:

Sicherlich wird es einige Unternehmen geben, die ein weitreichend formuliertes und dokumentiertes Risikomanagement benötigten. Dies ist, wenn notwendig, nicht schädlich für ein Unternehmen und eher positiv als negativ zu bewerten. Dabei sollten Sie wissen, dass die Norm selbst hierfür keinerlei Forderungen stellt! Die neue Norm im Bereich des „Risikomanagements“ fokussiert sich auf;

  1. Das Auffinden von
  2. Produkt-/Dienstleistungs- und prozessbezogenen
  3. Risiken und Chancen sowie auf die
  4. Festlegung von Maßnahmen, deren
  5. Wirksamkeit überprüft werden muss.

Die Dokumentation kann dabei für jeden Prozess einzeln und tiefgründig geschehen oder z.B. in einer gut strukturierten Tabelle auf das gesamte Unternehmen bezogen sein. Wichtig dabei ist immer die sinnvolle und praxisnahe Anwendung in Ihrem Unternehmen, welche auch einen Mehrwert schaffen soll. Das Ausfüllen von Papier für die Ablage nur um die vermeintlichen Anforderungen zu erfüllen, macht eben so wenig Sinn wie die neue Forderung der Betrachtung von Chancen und Risiken zu verteufeln. Bleiben Sie praxisnah bei der Umsetzung der neuen Forderung immer mit dem Blick auf Ihre Unternehmensziele!

Wie ist Ihre Haltung zu dem alten Wein in neuen Schläuchen?

Sicher, Risikomanagement (im weiteren Sinne) gab es schon immer in der Norm. In einigen Unternehmen wurden bereits Fehlermöglichkeits- und Einflussanalysen durchgeführt. Und auch die klassischen Vorbeugemaßnahmen waren in der „alten“ Norm mit einem kompletten Unterkapitel bedacht. Dennoch wurden sie nicht einheitlich und sogar teilweise falsch interpretiert. Es war sogar häufig der Fall das erst nach dem Eintritt eines Risikos „Vorbeugemaßnahmen“ eingeleitet wurden. Hier wurde das präventive Handeln schlicht falsch verstanden und umgesetzt. Mit der neuen Norm werden diese dehnbaren Interpretationen kaum mehr möglich sein und erfordern eine konsequentere Herangehensweise. Wir erhalten also einen eigenständigen Begriff welcher für meinen Geschmack enorm an der Praxis orientiert ist und damit einen großen Unternehmensnutzen nach sich zieht. Die „neue“ Norm kommt mit den wichtigsten Eckpfeilern des Risikomanagements aus und besteht nicht auf eine komplizierte Dokumentation. Gerade aus diesem Grund wird eine innovative Unternehmensleitung künftig fokussiert mit Risiken und Chancen und deren sinnvollen Einschätzung umgehen. Dies ist gut für das Unternehmenswachstum, das Erreichen der Unternehmensziele und für die Menschen die jeden Tag Ihren Beitrag dazu leisten.

Das Betrachten der Chancen und Risiken ist ein wichtiger Punkt der Unternehmensführung welcher von den Verantwortlichen im Unternehmen mehr oder weniger tief beleuchtet wurde. Nutzen Sie bei der Umstellung Ihres Qualitätsmanagements die Chance und führen Sie eine strukturierte Herangehensweise ein die sich an Ihren individuellen Unternehmenszielen ausrichtet.


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