Nachricht von Wolfgang Horn am 04. Januar 2005:
Im Bezug auf: Re: Philosophie kommt vor den Werkzeugen kommentiert von Florian am 04. Januar 2005:
Hi, Florian,
Ich: "Zusammengeschusterte...Wie jeder weiß, in dessen Schublade eine Schieblehre in Inch herumgeistert."
"Damit willst Du sagen, auch wenn Wissen wissenschaftlich aufgebaut, aber zu komplex zu verstehen ist, taugt es nichts?"
Nicht so pauschal. Aber wenn wir die Vorteile engagierten Mitdenken im Team haben wollen, dann dürfen die Regeln für den Umgang miteinander nicht viel komplizierter sein als die der Straßenverkehrsordnung.
Vor allem müssen solch grundsätzliche Regeln wie "Rechtsverkehr" für alle gelten. Nicht, daß Linksfahren wegen seiner Ausnahmestellung zum Privileg erklärt wird.
"Wir müssten also ein Modell für die Ursachen und Wirkungen der verschiedenen Prinzipien (Systemaufbau, Führung der Menschen, Lernwerkzeuge, usw.) erstellen!?"
Fast. Wir brauchen eigentlich "nur" unser Verhalten als Menschen abbilden in ein Prozeßmodell. Ein Modell, wie wir Menschen als Individuen und in Gemeinschaft "funktionieren".
Solch ein Modell hast Du bereits für Verkehrsteilnehmer. Sonst könntest Du nur im Schrittempo von Deinem Daheim zur Arbeit fahren.
So aber unterstellst Du den anderen Autofahrern, sie hätten gerade ein klares Ziel, das sie ohne zu Bummeln und mit möglichst keinem Blech- oder Körperschaden anstreben. Welches das ist, weißt Du nicht, wenn nicht gerade der Omnibus es anzeigt.
Aber Du kannst Dich drauf verlassen, bevor einer die Richtung wechselt, wird er zwecks Vermeidung von Unfällen seinen Blinker betätigen.
Schwerer ist das im Stockcar-Rennen und auch im Umgang miteinander im Beruf. Weil beim Stockcar-Rennen (oder wie das auch immer heißt, wo "Rennfahrer" ihre Karren vom Schrottplatz noch einmal kräftig ineinanderkrachen lassen, bis der letzte Bewegliche zum Sieger erklärt wird) gewalttätige Konkurrenz herrscht - und ebenso im Beruf, wenn der Chef kein Miteinander hat schaffen können nach Motto:
„Wenn die Leute nicht immer per wir in Geschäftsangelegenheiten sprechen, nicht Gelegenheit haben, sich bei Ehren und Sorgen des Geschäfts beteiligt zu fühlen, so kann man kein treues Festhalten, auch in trüberen Zeiten, verlangen und erwarten.“ (Werner von Siemens)
Wo Konkurrenz "bis auf's Blut" herrscht, da muß jeder tricksen, da muß er links blinken und rechts abbiegen und seinen Jäger gegen die Wand rennen lassen. Da werden die Regeln im Umgang miteinander so kompliziert, wie das Schachspiel kompliziert werden würde, wenn jeder sich aus einer Bedrängnis befreien dürfte, indem er neue Regeln erfindet.
Ist nicht banal? Wenn zum Psychiater der eigentliche Klient der kommt und seine vor Vernachlässigung, Verlassenheitsangst und Zukunfsangst verzweifelte Frau bringt, damit der Psychiater ihr die Krankheit "Hysterie" diagnostiziert, dann hat der Psychiater eine Frau vor sich, die im bösen Spiel des Gegeneinander nicht weiter weiß. Kann man auf solchen armen Personen ein Modell vom Menschen ableiten? Freud tat's jedenfalls, und so mancher Psychoanalytiker richtet sich nach diesem Kranken Modell (Pun intended).
„Wenn überhaupt, dann würden wir im Management also eine Psychologie des gesunden und nicht des kranken Menschen brauchen.“ (Prof. Fredmund Malik, St. Gallen)
""Gut" werde ich in Zukunft also nicht mehr verwenden :-)."
Na, so habe ich das auch nicht gemeint. Denn so, wie Du am Steuer Deinen Blinker betätigst, um den anderen Autofahrern Deine Zielrichtung mitzuteilen, so wirst Du Deinen Mitmenschen auch weiterhin mitteilen, was Du persönlich für gut und schlecht hältst.
Aber, und das ist der Unterschied: So Du ekannt hast, daß jedes Individuum "gut" und "böse" nach eigenem Geschmack definiert und Du kein Diktator bist, wirst Du Dich hüten, Deine Wertung als allgemeingültig zu erklären oder gar in die Köpfe zu prügeln.
{ //der Versuch, zwei Absätze zu klammern
Ausnahme: Unmündigen Kindern müssen wir solange ein Vorbild sein, auch in Wertungen, bis diese mündig denken können.
„Die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung.“ (Kant)
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ (Immanuel Kant)
Dies ist meine aktuelle Tragik:
Aufklärung: Die Vernunft macht immer heller, in welchem Dunkel wir leben.“ (Ludwig Marcuse)
}
"Besser wäre es, auf die Prinzipien hinzuweisen, die zu den gewünschten Resultaten führen..."
Ja. Aber wenn Dein Kunde / Zuhörer selber denken will, geht es noch simpler und besser, indem Du ihm die Wirkungsmechanismen zeigst, die Wechselwirkungen. So daß er diese Prinzipien sich selber ableiten kann.
Der Mathematikunterricht ist ein Beispiel - seit wir Kinder gelernt haben, was Zahlen bedeuten und wie man addiert, hätten wir das kleine Einmaleins nicht lernen müssen, weil wir das Ergebnis an den Fingern hätten abzählen können. Wir haben es aber gebimst zur Beschleunigung des Kopfrechnens.
Oder nimm meine Fachdisziplin, die Nachrichtentechnik. Der eine muß alle Antennenarten pauken, der andere hat die Gesetze von Maxwell und Babinet begriffen, und der Dritte hat sogar begriffen, wie die Quarks einzeln und im System "funktionieren". Denn mit diesen Kenntnissen und der Finite Elemente Analyse könnte er sich die Eigenschaften aller Objekte und Systeme selbst ableiten, die aus Quarks bestehen - also alle materiellen Objekte in diesem Universum. Aber solch eine Person kenne ich nicht.
Aber im Straßenverkehr funktioniert es. Weil wir uns alle gern nach gemeinsamen Regeln verhalten.
"Was wünschenswert ist, kann ich einem Kunden nicht vorschreiben.... Kennst Du das Gefühl, tatenlos zuschauen zu müssen, wie eine Firma immer schlechter wird? Die Führung merkt nicht, dass sie nach Prinzipien, die nichts anderes erwarten lassen, arbeitet."
Ja. Ich kenne auch das Gefühl, einen Kunden verloren zu haben wegen unzweckmäßiger Kritik.
Als Berater / Trainer sind wir, und als QMB in Qualitätsfragen bist Du Führungskraft, und wer nicht wegen der 4. Grundfähigkeit gern folgen will, weil wir ihn dorthin führen, wo er sowieso schon hinwill, den kannst Du nicht führen. Also auch nicht beraten.
Beim nächsten Mal: Erkunde sein höchstes Ziel, das ihm bewußt ist. Und dann das nächsthöhere Ziel, das ihm selber noch gar nicht bewußt ist, aber eher den Zielen entspricht, die allen Menschen angeboren sind. (Uns ist ein Bündel von Zielen angeboren wie "Kinder mit Erfolg in ihrem Beruf", Sicherheit, Frieden,... Welche wir davon gerade wichtiger nehmen, ist zu einem guten Teil wieder individuell.)
Du hast mit Philosophie angefangen, jetzt bringe ich Schopenhauer:
„Der Mensch kann wohl tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“ (Schopenhauer)
Muß man dreimal lesen, nicht wahr?
Da ist also etwas, das wichtiger ist als das, was unser Verstand vermag.
Wer ein Stück davon kennenlernen will, der entschließe sich, seinen Atem für nur fünf Minuten anzuhalten. Wetten, daß er den Entschluß keine 3 Minuten durchhält? (Die Schmerzgrneze bitte nur unter ärztlicher Aufsicht überschreiten.)
Aber unser Verstand ist derjenige, der sich Wünsche und Ziele bewußt macht. Und der in seiner Eitelkeit und Selbstherrlichkeit diese mächtigere "Instanz" gern unterschätzt, ignoriert und unterdrückt - und sich im Kampf mit den Folgen dann verzettelt.
Wer Menschen dorthin führt, wo sie hinwollen, der ist ein guter Führer. Ein größerer Führer ist, wer ihre schlafenden höheren Ziele weckt und sie dorthin führt.
Ich: "Wer verbessern will, muß erst glaubhaft machen, daß die Gefahr der Verschlimmbesserung beherrschbar ist."
Du: "Viele Erfahrungen...Shewhart'schen Statistik...Ein Element der Entscheidungsfindung ist, was muss gemacht werden, um das gewünschte Resultat zu erhalten. Um Deming noch einmal zu bemühen: "Management is prediction!"
Zustimmung. Lese ich da wieder meine Resultatorientierung heraus?
"In diese Gruppe würde ich gerne einmal reinhören!"
Na endlich. Jeden 2. Mittwoch im Monat, 17 Uhr, Hamletstr. 11, VDI-Haus. Anmeldung erwünscht wegen Brez'n-Bestellung.
"Ich denke da reden wir vom gleichen, aber aus verschiedenen Blickwinkeln. Menschen sind für mich auch ein Systemelement. Mit den heute oft praktizierten Zielsetzungsprozessen (Systemsteuerung, natürlich geht es dabi auch um Menschen!), werden die Systemzusammenhänge zerstört, weil die Menschen dadurch behindert werden, miteinander effektiv umzugehen."
Passen da meine Beispiele vom Berufsverkehr und dem Verkehr im Stockcar-Rennen?
Hm, was wäre, wenn ein Verkehrspolizist (==Führungskraft) den Verkehr regeln wolle? Es müßte so sein:
* Wer zur Arbeit fährt, in der Arbeit oder heim, der begrüßt, wenn ein Polizist mit seiner Winkerei das Knäuel auf der Kreuzung verhindert.
* Wer als Stockcar-Fahrer aber Spaß hat, es krachen zu lassen, der wird das Verhalten des Polizisten trickreich nutzen.
Folgerung: Mache aus Gegeneinander erst Miteinander, dann sucht gemeinsam den wohl besten Weg, und geht gemeinsam los.
Dann können die Managementmethoden auch nützlich sein. Jedenfalls weit nützlicher, als wenn sie als Waffen im Gegeneinander mißbraucht werden, bis sie keiner mehr sehen kann.
Also, den Vergleich Straßenverkehr - Stockcar-Rennen werde ich mir noch ein paar Mal durch den Kopf gehen lassen als Metapher für "modernes Management".
Mir macht das aufgeklärte Selberdenken Spaß.
Trotz des Marcuseschen Dunkels.
Gerade in Bezug auf Individuen und Gesellschaften, was einem da alles klar wird, was man sowieso und irgendwie schon immer geahnt hat!
Ciao
Wolfgang