Nachricht von Wolfgang Horn am 03. Januar 2005:
Im Bezug auf: Re: Philosophie kommt vor den Werkzeugen kommentiert von Florian am 03. Januar 2005:
Hi, Florian,
Danke für Deine Zusammenfassung in Thesen.
Daß diese Art weit effizienter ist als Drumherumrederei, fanden schon die alten Scholastiker.
: Guten Tag Wolfgang
"- Wenn man nicht weiss, wie ein System funktioniert, sollte man besser die Finger davon lassen, da wir ansonsten den Zustand verschlimmern werden."
Wer nicht verstanden hat, wie ein laufendes System funktioniert, der sollte es besser weiter laufen lassen und sich um dies Verständnis bemühen, als es mit halbgaren Ideen verbessern zu wollen - Verschlimmbesserung droht.
"- Dass wir durch unser Gesellschaftsystem über Generationen geprägt sind und uns dadurch ein bestimmtes Weltbild untergejubelt wird."
Auch als alle glaubten, die Welt sei eine Scheibe uns stünde im Mittelpunkt des Universums, war das die beste der damals anerkannten Vorstellungen.
Wir Menschen verfügen über die Fähigkeit, das Geschehen in unserer Umwelt zu abstrahieren zu einem Modell (Planetensystem, das Modell von himmlischen und höllischen Heerscharen, Freuds Modell vom Menschen mit Es, Ich und Überich.)
Wir bevorzugen das Modell, das unsere Eltern / Autoritäten für gut gehalten haben.
So oft wir wegen Verschlimmbesserung auf die Nase gefallen sind, bevorzugen wir ein bewährtes, aber unverstandenes Modell gegenüber einem neuen, das sich noch nicht bewiesen hat.
So funktioniert der Erkenntnisgewinn der Naturwissenschaften - eine sehr bewährte Methode, die von "den Geisteswissenschaftlern" (inklusive "den Pädagogen", (hallo, Jürgen!), "den Soziologen" und "den Psychologen" aber abgelehnt wird, für Götter, Dämonen und Menschen sei es untauglich.
Eine wesentliche Ursache der heutigen Vernichtung von Kapital und Arbeitsplätzen in unseren Firmen.
Die Angst vor Verschlimmbesserung ist ein wesentliches Trägheitsmoment gegen Verbesserungen und so berechtigt, wie Verschlimmbesserung droht.
"- Dass "schnelle" Veränderungen des menschlichen Verhaltens v.a. von Systemänderungen abhängig sind."
Sprich: Leidensdruck und Hoffnungen.
Wo beides weit größer ist als die Ängste, wie im Pilotprojekt des Business Process Reengineering von Hammer&Champy sowohl bei Belegschaft, als auch bei Führungskräften und Anteilseignern, da sind die dann auch schon mal zu einer "Notoperation" bereit. Dann geht die Veränderung blitzschnell, und wenn der Patient nicht blitzschnell in der Pathologie gelandet ist, kann er erzählen und die Werbetrommel gerührt werden.
Veränderung mißt sich nicht in Generationen, Jahren oder Monaten, sondern in der Folge konsequenter Schritte von Erfolgen (und auch Fehlversuchen.)
In der Stuttgarter Teambau-Arbeitsgruppe ("Teambau" in Anlehnung an "Maschinenbau", Unternehmen/Unternehmenseinheit/Team als soziales System. Zu Bau und Umbau (==Veränderung) wendet man besser die bewährten Konstruktionsprinzipien des Maschinenbaus an als sie zu ignorieren.)
sind wir drauf gekommen, anstelle größerer pompöser Veränderungsprojekte (==Notoperationen in Serie, aber ohne Not) die stetige, tägliche Anpassung zu bevorzugen. Wobei jeder Schritt der Anpassung kein "Alles oder Nichts" ist, kein "Gehorche, Patient, folge dem Dilettanten, oder stirb", sondern wir haben auch das Konstrukt des "Entwicklungsmusters" auf die Veränderung eines sozialen Systems übertragen.
Aber diese Welt gilt noch als Scheibe.
"Anm.: Führungsschulungen und Motivationsprogramme ohne entsprechende Systementwicklungen können nicht sehr wirksam sein."
Richtig. Völlig falsch ist die Vorstellung mancher Betriebspädagogen, betriebliche Probleme ließen sich mit Schulung der Mitarbeiter beheben nach dem Motto "schüre die Sehnsucht nach fernen Ländern und die Mitarbeiter werden von selbst anfangen, Boote zu bauen und zum Ruder zu greifen".
Kritische und besonnene Resultatverantwortliche haben diesen Irrwitz und die damit verbundene Verschwendung erkannt.
Stillstand und Orientierungslosigkeit der Soziologen und Psychologen haben den Fortschritt für Betriebs- und für Schulpädagogen verhindert.
Ist doch lachhaft, wenn sie Politikern keinen besseren Rat gegen die Bildungsmisere gegen können, als eine Änderung der Schulzeiten.
Als würde man eine mangels Navigationskünsten gestrandete Galeere retten können, indem man die Schichtzeiten der Ruderer neu aufteilt.
Florian, ich habe Dich ja da bei Wörishofen erlebt. Dich als Externer in Deiner Mitarbeit.
Dein Auftraggeber / Chef mit seinem Bedarf an Wissen und Können, und seine Mitarbeiter genauso.
Weil er Dir zugehört hat, haben sie es auch getan.
So funktioniert es besser: Vom Könner zu den Wißbegierigen. Weit besser als "vom besserwisserischen Prediger in die auf Durchzug geschaltenen Ohren".
"- Wissen ist strukturiert und aufbauend. Informationen sind noch kein Wissen. Um zu Wissen zu gelangen müssen wir einen Baustein auf den anderen legen."
Wer in der Arbeit seinem Konkurrenten voraus sein will, der braucht bessere Anleitungen zum Handeln. Und wenn die von Adam Riese kam, der den Menschen das Rechnen im arabischen Zahlensystem lehrte. (Und ich vermute, wo immer er engagiert wurde, da hat er auch Buchhaltung vorgemacht.)
Bessere Anleitungen zum Handeln brauchen Modelle vom Geschehen, von Wirkungen und Wechselwirkungen.
Wie Otto von Lilienthal, Flugpionier, seine Flugmaschinen nicht nach seinem Sinn für Schönheit konstruiert hat, sondern naturwisenschaftlich und ingenieurmäßig. Er hat sogar eine Art Windtunnel gebaut, einen Teststand mit Ventilatoren und Messmitteln.
Otto von Lilienthal hat versucht, das Geschehen "Flugzeug in umströmter Luft" analytisch zu verstehen - und ist dabei bis zu eigener Hangsegelei gekommen.
Damit war er damals schon vielen Geisteswissenschaftlern von heute Lichthjahre voraus.
"Dies kann mehrere Generationen dauern."
Kann, kann aber auch blitzschnell gehen. Wenig setzt eine Horde durstiger Männer schneller in Bewegung als der Ruf "Hier gibts Freibier!"
Willst Du Anpassung, dann schaffe erst die notwendigen Randbedingungen. Einige der Randbedingungen sind allgemeingültig, andere muß man erst erkunden, weil unternehmensspezifisch. Alle sind unangenehm für den einen oder anderen. Im Sofa hinter'm Ofen zu verhungern ist bequemer, solange man sein Hungergefühl unterdrücken kann.
"Die "Prinzipien für den Umgang miteinander" würde ich auch als aufgebautes Wissen betrachten."
Zusammengeschusterte physikalische Formeln aus dem metrischen System hier und inch und feet dort sind zwar auch "aufgebautes Wissen", aber problembehaftet. Wie jeder weiß, in dessen Schublade eine Schieblehre in Inch herumgeistert.
Wir brauchen uns nur an große Geister halten:
„Eine jede Lehre, wenn sie ein System, d.i. ein nach Prinzipien geordnetes Ganzes der Erkenntnis sein soll, heißt Wissenschaft.“ (Immanuel Kant)
Schlicht und schön.
"Warum zweifeln Menschen nicht an der Gravitation, aber an Wissen, welches den "guten" Umgang definiert, glaubt keiner so richtig (will keiner so richtig glauben)."
Weil jedes Individuum "gut" individuell versteht - und eben anders als diejenigen, die von ihm Autorität einfordern.
"Gut" und "böse" sind Schöpfungen der Bevormunder, Prediger, Unterdrücker und Glaubenskrieger.
Für all diejenigen, die ihre persönlichen Zwecke selbst definieren, sind "mehr oder weniger zweckmäßig für die Zwecke dieses Individuums" besser geeignet. Das schafft mehr Toleranz und Miteinander als Feinde.
"- Dass Menschen nur gemäss ihrer Erfahrung handeln (ohne entsprechendes Wissen), findest Du weniger gefährlich, als wenn sie nix tun würden."
Ja, mit der Einschränkung, wenn sie ihre Erfahrung für gut halten. Wer verbessern will, muß erst glaubhaft machen, daß die Gefahr der Verschlimmbesserung beherrschbar ist.
"In meiner Theorie darf erst etwas verändert werden, wenn das Wissen eine Voraussage erlaubt, die mit grösster Wahrscheinlichkeit auch eintrifft. Versuche durchzuführen gehört selbstverständlich zur Erarbeitung von Wissen."
Da stimmen wir überein.
Insbesondere mit dem "darf".
Denn wenn solch eine Veränderung delegiert werden soll, dann darf diese Aufgabe nur annehmen, wer gezeigt hat, daß er sie auch erledigen kann.
Wer aber selber Unternehmer ist, und das Risiko trägt, der "darf" auch sagen "Ich will!" Und dann kann er selbst verändern, was er für besser hält, und seine Arbeitnehmer müssen ihren Arbeitsvertrag erfüllen.
"- Etablierte "Theorien" werden nur mühsam von den Betroffenen über den Haufen geworfen."
Gewiß. "Das altbewährte Gute ist des Besseren ärgster Feind."
Wer meint, das Bessere zu haben, der muß es beweisen.
Eine Überlegung hinter der Gründung meiner Teambau-Arbeitsgruppe im VDI Stuttgart - da kann man im Kreise unerbittlicher Kritiker (weil ich sie gebeten habe, unerbittlich kritisch zu sein) und erfahrener Könner gelungene, weniger gelungene und rätselhafte Projekte des Change Managements analysieren und zumindest mental und verbal erproben, wie es besser ginge, wenn...
"- Ein System muss geführt werden! Ein System kann sich nicht selber führen!"
Wir können keine Systeme führen. Grundsätzlich nicht. Wir können nur Menschen dorthin führen, wo sie sowieso schon hinwollen. Durstige Männer also zu Freibier. (naja, durstige Muslime zu Freitee).
Wir können diejenigen Menschen, die in ihrer Zussmmenarbeit eine Gemeinschaft bilden, ein soziales System informieren, wie sie ihr Ziel noch leichter erreichen können. So daß´sie sich zukünftig entscheiden, so zu handeln.
"Was denkst Du kostet es ein Unternehmen, wenn ein Grossteil der Kommunikation für das Politisieren draufgeht?"
Und das fragst Du in diesem Forum?
Hinter zwei von drei Zeilen hier im Forum leuchtet doch die Schwärze des Leidensdrucks.
Und eine wesentliche Ursache des Leids ist, daß "die Geisteswissenschaftler" die Erde noch immer für eine Scheibe halten und meinen, die naturwissenschaftliche Gewinnung von Erkenntnissen sei für Menschen und Gesellschaften untauglich.
Nein, im Gegenteil, es funktioniert wunderbar, wenn man erst mal die Kröte geschluckt hat, uns Menschen und sich selbst nicht im grünen Spiegel des Wunschdenkens zu sehen, sondern so, wie wir als Individuen und in Gesellschaft "funktionieren".
Wer's nicht glaubt, komme nach Stuttgart, jeden 2. Mittwoch im Monat, 17 Uhr, Hamletstr. 11.
"...sie hilft mir dabei meine Argumentation den Kunden gegenüber verträglicher zu gestalten."
Verträglicher für wen?
Als Berater bist Du in Sachen der Beratung Führungskraft. Führe nach der 4. angeborenen Grundfähigkeit: "Wir Menschen folgen gern dem, der uns dorthin führt, wo wir sowieso schon hinwollen, sofern wir meinen, unter seiner Leitung sparen wir mehr Mühen als unter der jedes anderen, der verfügbar ist.", und dann wäre jede "Unverträglichkeit" ein Indiz, daß Du noch was verbessern kannst.
Ciao
Wolfgang