Nachricht von Wolfgang Horn am 01. Januar 2004:
Im Bezug auf: Re: "Kampfstern in der Packung Kartoffelchips" - Haftpflicht für Berater kommentiert von Florian Padrutt am 01. Januar 2004:
Hi, Florian,
Danke für die Genesungswünsche.
Sie werden gewiß in Erfüllung gehen, eine Bahnreise ist halt eine gute Gelegenheit für das Immunsystem, neue Erreger kennen zu lernen und an ihnen zu üben...
: Was hälst Du von der Theorie, dass es zwei Arten von Verantwortung gibt... und auf der anderen Seite die, welche nur gemeinsam getragen werden kann (gemeinsame ...)
Die Theorie ist verantwortungsloses dummes Zeug, wenn sie sich auf das Geschehen in Unternehmen bezieht.
Sorry für den harten Ausdruck.
Wir Demokraten kennen natürlich, wie eine Gemeinschaft ihre Richtung durch Mehrheitsbeschluß wählt.
Hier könnte man meinen, die Verantwortung für das Wahlergebnis sei aufgeteilt auf alle Wähler.
Wir können die Gemeinschaft Wähler aber auch als eine Gemeinschaft sehen, und dann ist die Verantwortung nicht mehr geteilt.
Zur Situation im Betrieb:
Wer Verantwortung zwischen zwei Stühlen teilt, der wird im Erfolgsfalle zwei strahlende Helden erleben.
Im Falle des Scheiterns aber meint jeder der beiden, der andere sei Schuld gewesen oder die beiden finden eine gemeinsame Ursache in ihrer Umgebung.
Unser Aktiengesetz ist in dieser Hinsicht Krampf.
: Lehrer-Schüler-Verhältnis ist ein Beispiel für die zweite Art der Verantwortung. Es ist nicht möglich die Verantwortung für den Lern-Erfolg des Schülers nur einem der Beteiligten zuzuordnen.
Richtig.
Du sprichst hier einen der Kardinalfehler der Weiterbildung in zumindest dem letzten Jahrzehnt an.
Pädagogen rätseln über das Mysterium "Praxistransfer", der Trainer sei Schuld, wenn die Mitarbeiter zwar lernen, das Gelernte aber nicht anwenden.
(Hallo, Jürgen, hellwach?)
Da meinen Geschäftsführer / Vorstände, ihr Unternehmen "verändern" zu können, indem sie Trainer bezahlen, damit die der Belegschaft ein "X" vermitteln. Ob die Belegschaft will oder nicht.
Wäre X aus Honig, machten die Schüler gern mit. Erwachsenen bräuchte man dann auch nur ein Buch geben, die brauchen Lehrer nur für Fähigkeiten wie "Tanzen", "Führerschein" oder andere Dinge, die Interaktion erfordern.
Deshalb ist X in der Regel eher Lebertran. Da würden die Schüler ihre Zeit lieber besser nutzen - wenn sie nur dürften.
Als Angestellte und Arbeiter müssen sie aber. Folge: Die Belegschaft lernt das Heucheln.
Besonders eindrucksvoll zu beobachten im Gebiet "soziale Kompetenzen". Erstaunlich, wie Leute ihre Kollegen drangsalieren können mit höflichem Gesicht und dem Vorwurf: "...oder mangelt es ihnen an sozialen Kompetenzen?"
Ich hab' die Problematik mal auf den Punkt gebracht mit "blauer Plastikfetzen": Mein Herr König, Geschäftsführer der virtuellen Nuts&Bolts GmbH, sieht, wie sein Systemingenieur über den Werkhof geht und einen herumflatternden blauen Plastikfetzen nicht kurzerhand entsorgt, wie alle Angehörigen der N&B eigentlich sollten.
Wie kann Herr König seinen Systemingenieur bewegen, sich zukünftig für die Sauberkeit des Werkhofes zu bücken? Und zwar auch dann, wenn keiner zuguckt?
Florian, ich liebe, solche Probleme möglichst einfach zu schildern.
Dies Beispiel ist zwar simpel, aber alles andere als banal. Wenn man den Entscheidungsprozeß des Systemingenieurs resultatorientiert analysiert, dann finden wir plötzlich "gruppendynamische Prozesse" - und klären sie auf: Der Systemingenieur will sich nämlich nicht zum Gespött seiner Elite machen.
Deshalb ist Training absolut nutzlos, und wer das anbietet, ist bestenfalls ein naiver Quacksalber.
Der Schluß der Arbeit: Herr König kommt nicht umhin, selber so zu handeln, wie er es von seinen Leuten verlangt. "Vorbild" und "Führung" sind untrennbar miteinander verbunden.
Zurück zur geteilten Verantwortung: Für den Lehrerfolg kommt es darauf an:
* daß Herr König nur das vermitteln läßt, was er selbst auch tun würde. Andernfalls erntet er bestenfalls Heuchelei.
* Daß Herr König seinen Leuten klar macht, warum das X, das sie lernen wollen, gut ist für Zukunft und Wachtum des Unternehmens. Andernfalls wie eben.
* Daß Herr König seinen Leuten klar macht, er verlange den Lernerfolg und werde diesen nachprüfen.
* Daß der Trainer das X so präsentiert, daß die willigen Angestellten und Arbeiter es auch lernen können.
Wer diese Voraussetzungen schafft, der kann die Aufwendungen für Weiterbildung drastisch reduzieren. Und wer die Voraussetzungen nicht schafft, der kann das Geld für Trainer gleich dem Finanzamt schenken.
Das Verwirrende in den "Soft Facts" hat viel Kapital und viele Arbeitsplätze vernichtet.
Florian, das Qualitätsdenken im Bereich der Weiterbildung hat den Reifegrad der Chemie, als diese noch Alchimie hieß.
Da könnte die Effizienz noch gewaltig gesteigert werden, die Pädagogen aber werden ihre Pfründe hart verteidigen. Die Herren Königs hören auch gar nicht gern, daß sie Vorbild sein müssen. Daher nehmen sie gern das Angebot an, der Trainer könne ihren Angestellten vermitteln, wovor ihr Chef sich drückt.
Noch mal zurück zur "gemeinsamen Verantwortung": Wo immer diese Frage im Unternehmen auftaucht, da gibt es einen Gesamtverantwortlichen. Seine Sache ist die Organisation der Zusammenarbeit seiner Leute.
Für seine Ergebnisse wird es besser sein, wenn er die Verantwortungen klar trennt. Beispiel Trainer: Wenn er vom Trainer verlangt, was des Trainers ist, vom Schüler, was des Schülers ist, und wenn er selbst die Voraussetzungen schafft, damit die beiden so arbeiten können, wie er es wünscht.
Ciao
Wolfgang
P.S. Wenn Dich die Arbeit "blauer Plastikfetzen" interessiert - ich müßte meine neuesten Erkenntnisse noch einarbeiten, dann schicke ich Sie Dir zu.