Konstruktives


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Nachricht von Wolfgang Horn am 26. November 2003:

Im Bezug auf: Re: Wirtschaftssystem? kommentiert von Oliver am 26. November 2003:

Danke, Oliver,

für Deine konstruktiven Gedanken.

: Was bleibt übrig?

Um aus dem Jammertal der halbleeren Flaschen heraus zu kommen, ist mindestens notwendig:
* Was wollen wir eigentlich, wir als volkswirtschaftliche Gesellschaft? (Gib's die eigentlich noch, wo selbst "Made in Germany" als Nationalismus ausgebuht wird?) Sicher wollen wir Zukunft.
* Dazu müssen wir produktiver sein als unsere Konkurrenten.
* Dazu wäre es grottenfalsch, wenn wir uns an der Stärke "Niedriglohn" der Niedriglohnländer orientieren und von allen Konkurrenten genau das übernehmen, was bloß die Personalkosten senkt, und die Spitzenausbildung "Dipl.-Ing." wegwerfen, weil die Mehrheit der Niedriglohnländer mit weniger zufrieden ist.
* In welchem Marketing-Seminar wird nicht gelehrt, man möge sich auf seine Stärken besinnen und die ausbauen?
* Zum Blick aus dem Jammertal der halbleeren Flaschen heraus: Wer sind eigentlich unsere Konkurrenten? Wo stehen die eigentlich? Können die Verlautbarungen der Pressestellen von DaimlerChrysler, Siemens und Deutsche Bank als neutrale Berichterstatter gewertet werden, oder ist nicht vielmehr zu befürchten, daß sie das sagen, was die Personalkosten hier senkt?
* Welcher Politiker hat sich eigentlich "Zukunft und Wachstum" auf seine Fahne geschrieben? Mir fällt keiner ein. Der Basta!-Kanzler hat die einen zu willfährigen Gefolgsleuten gemacht, und Merkel nimmt den Namen "Opposition" wörtlich, außer opponieren ist da nicht viel.

: Wir müssen die besseren Produkte haben.
Ja, natürlich. Wie kriegen wir sie besser+preiswerter? Indem wir uns auf unsere Stärken besinnen.
Ich sehe welche, die in der Arbeitskultur des Handwerks gewachsen sind.
Ich zitiere meinen Projektbegleiter beim Kunden:

"Ihr Deutschen, ihr seid ja etwas teurer als die anderen.
Aber wir zahlen Euren Mehrpreis gern.
Ihr seid weltoffen und freundlich.
Ihr Ingenieure wollt immer etwas schaffen.
Ihr seid kompetent - nun, die anderen haben aufgeholt.
Aber - Ihr kennt eure Grenzen, und Ihr versprecht nur, was Ihr auch halten könnt. Deshalb können wir uns auf Euch verlassen, deshalb seid Ihr Euren Mehrpreis wert."
(MstSgnt Saud, Königliche Garde, Saudi-Arabien. Schwiegersohn eines hohen Generals dieser Garde)

(Als er das sagte, lief es mir den Nacken heiß und kalt rauf und runter - der deutsche Zulieferer hatte die beiden 105kVA-Aggregate noch immer nicht geliefert, und die lagen auf dem kritischen Pfad...)

Ich sehe Stärken wie
a) Miteinander,
b) Aufklärung. In unserem Lande der Dichter und Denker ist die Aufklärung seit Pascal und Descartes sehr weit gekommen, in manchen anderen Ländern bremsen religiöse Denksperren die Flexibilität.
c) Arbeitsgestaltung nach dem Subsidiaritätsprinzip (Mitarbeiter sind nicht nur "verlängerte Hand", sondern Delegation umfaßt Aufgabe+Kompetenz+Verantwortung und damit kürzeste Regelschleifen und maximale Freiheit des Mitarbeiters. Militärisch: Auftragstaktik statt Befehlstaktik, als Powell noch General war, hat er die Übernahme dieses Führungsprinzips forciert.) Aber Mißbrauch des Qualitätswesens hat diese Selbständigkeit weit eingeschränkt.

: Ein weiterer Punkt ist für mich: Hochlohnländer müssen innovativer sein, um die besseren Produkte zu haben.
Ja, Oliver. Der Schlüsselprozeß der Innovation ist aber der Längste im Unternehmen.
Die Kette ist nicht nur so schwach wie ihr schwächstes Glied, sondern ihre Effizienz ist höchstens so hoch wie das Produkt aus der Multiplikation der Effizienzen all dieser Kettenglieder.
Sprich: Je heftiger das "jeder für sich, jeder gegen jeden", desto eher scheitern Ideen.
Einer der Gründe, warum kleine und mittlere Unternehmen innovativer sind als Konzerne.
Produktmanager in Konzernen können eher nur Scheininnovationen umsetzen wie das Konglomerat aus Handy, Fernseher, Videokamera und Toaster. (Der nächste innovative Schritt in dieser Konglomeratisierung wäre wohl der Ausbau der Außenseite des Toastfaches zum Business-Bügeleisen...)
Definitionen:
* Innovation heiße, wenn der Fachmann staunend durch die Zähne pfeift und sich wünscht, ihm wäre dieser geniale Einfall gekommen.
* Scheininnovation heiße, wenn der Marketing Manager das Pfeifen besorgen lassen muß von Pop-Bands und Feuerwerksraketen, weil die Fachleute grinsend-verwundert den Kopf schütteln.

: Ein weiteres Mittel ist der Verbraucher, solange er z. B. Kinderarbeit...
Der ist unser Kunde, den können wir kaum instrumentalisieren.

Aber haben die Gewerkschaften die Globalisierung verschlafen?
Wenn die das Prinzip des Flächentarifsvertrags wo wichtig nehmen, damit keine Arbeitgeberseite die einen Arbeitnehmer gegen die andren ausspielen kann, und wenn die Arbeitgeber weltweit operieren und weltweit die Arbeitnehmer gegeneinander ausspielen - warum spricht der DGB nicht von globalen Flächentarifverträgen?

Sorry, Du, Oliver hast um Verzeihung gebeten, wir könnten Deinen Beitrag für Gesülze halten.
Nein. Auch in mir brodelt es gewaltig.
Vor allem wegen der Ohnmacht, als Einzelner und Kleingeist, verlassen von Gewerkschaft und Politik, kaum was tun zu können, ohnmächtig mit an sehen zu müssen, wie hier weiter alles in Ruinen gewirtschaftet wird.

Ciao
Wolfgang Horn



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