Re: Vernagelt oder Wissen? - Ein Exkurs


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Nachricht von Wolfgang Horn am 19. November 2003:

Im Bezug auf: Re: Vernagelt oder Wissen? - Ein Exkurs kommentiert von Tim Gerdes am 19. November 2003:

Hi, Tim,

:...wird der durchschnittliche Arbeiter intellektuell und bildungstechnisch dem der frühen Jahre des letzten Jahrhunderts überlegen sein.
Dem des letzten Jahrunderts? O.K. und hoffentlich.

: Wie ich sage, nicht Motivation, sondern stumpfes Vorschreiben. Taylor ging es dabei ja nicht darum, dass der Mitarbeiter nach der Pause leistungsbereiter oder gar leistungsfreudiger war sondern dass er Leistungsfähiger war.
Ja, von Leistungsfreudigkeit habe ich nichts gelesen. Ich vermute aber, daß im Verhalten des Arbeiters ähnliche Effekte zu beobachten sind wie in den berühmten Hawthorne-Experimenten, wo sowohl das Abdunkeln der Arbeitsbeleuchtung die Leistung steigerte wie auch das Aufhellen.

: Er hat den Arbeiter eher als eine Art Maschine gesehen, die mal abkühlen muss.
O.K.

: : "Die angeborene Bequemlichkeit des Menschen ist ein bedauerliches Moment."

: Die Anerkennung einer unveränderlichen Rahmenbedingung. Nicht der Vorschlag, darüber nachzudenken, wie dieses zu ädern wäre.

Tja. Eben nicht.
Taylors Bedauern ist ein Halbirrtum:
a) Richtig: Ökonomisches Denken und Handeln ist angeboren. Ohne dem hätten schon unsere Vorfahren ihre Kräfte verzettelt und verschwendet - und wären von anderen Varianten ihrer Art verdrängt worden.
b) Falsch: Dies ökonomische Denken und Handeln ist >kein< bedauerliches Moment. Sondern ein Erfolgsfaktor.

Das Phänomen, das Taylor beobachtete, und aus dem er sein Bedauern zog, läßt sich leichter mit der Einsatzregel erklären:

Einsatzregel: Personen und Gesellschaften bringen Spitzenleistungen nur für ihre eigenen Zwecke. Für die Zwecke eines anderen setzen sie sich nur halbherzig ein.
Logische Begründung: Für die Zwecke eines anderen arbeitet nur, wer diese Arbeit als Mittel sieht für seine eigenen Zwecke. Dabei meidet er gemäß 2. GF(ökonomisch Denken und Handeln) aber alle Mühen, die er für seine Zwecke für unnütz hält – auch, wenn sein Chef diese für seine Zwecke noch so gern hätte.

Den Mitarbeiter zu höherer Leistung zu drängen, als er gemäß Einsatzregel von selber bringen wollte, schürt nur Gegeneinander und mindert die Produktivität weiter.

Der Ausweg: Gemeinsame Ziele. Wie Oliver, der Wirtschaftsingenieur und Sportler, gewiß bestätigen kann. Wenig motiviert im Fußball mehr als diesen Samstag das Derby zwischen TSV 1860 und FC Bayern. Nach dem jetzt schon zu hörenden Kampfgeschrei wären die wohl auch bereit, ohne Lohn zu spielen.
Wie wohl jeder von uns bestätigen kann, der sich an seine früheren Existenzen (:-)) erinner, an damals, als wir gemeinsam das Mammut jagden.

: Allerdings darf er niemals erwarten, ein Unternehmen als deterministisches System betrachten zu können.
Aus Deiner These lese ich ein "entweder/oder" heraus.
Personen, wir Menschen, sind "halb-determiniert". Und zwar durch die Wünsche und Ziele, die wir uns setzen. Durch unseren Geschmack und unsere Neigungen.
In der Wahl der Wege sind wir so frei, wie unsere Phantasie und unsere Freiräume.

Bildhafter: Unser Stamm hat Hunger, die Babys greinen, wir wollen die aber lieber glücklich glucksen und satt schlummern sehen. Wir greifen unsere Lanzen und machen uns auf die Jagd nach dem Mammut. Oder gehen in die Bäume und sammeln Bananen und Nüsse. Oder, oder, oder. Aber auch, wenn wir ins All reisen, um auf dem Mars nach Edelsteinen zu bohren, letztlich wollen wir uns wohl fühlen.

Diese wenigen, wohl angeborenen Wünsche sind sehr verläßlich. Sie bieten eine viel bessere Orientierung als Identitäten ("Ich bin Ingenieur..."), Gewohnheiten, oder gar das Urteil Dritter über unseren Charakter.

: Ockhamsche Prinzip...sagt es etwas über Wahrscheinlichkeiten aus.
Ja, wir entscheiden, was uns eher wahr erscheint. Hinterher wissen wir's besser...

: Und es geht von CP-Bedingungen aus, die sich in den Wirtschaftswissenschaften (Sowohl VWL als auch BWL) häufig nur als Verinfachungsmaßnahme postulieren, aber fast nie herstellen oder gar von vorneherein beobachten lassen.
Jetzt geht's an Eingemachte. Ein wesentlicher Grund ist die Suche nach Porduktionsfaktoren und Querschnittswerten.

Beispiel: "Charisma". Noch heute sucht man die Charaktermerkmale, die das Charisma ausmachen.

Aber wer Jesus Christus, Alexander den Großen, Julius Cäsar, Kleopatra, Jeanne d'Arc, Napoleon, George Washington, Feldmarschall Rommel, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Rudi Völler und den Anführer unseres Mammutjäger-Teams über einen Löffel balbiert auf der Suche nach Querschnittswerten, der bekommt eine ziemlich buntgescheckte Mischung, die keinem so recht gefällt.
Fragen wir aber "wie funktioniert Teamarbeit?" finden wir für jedes dieser Beispiele, was die Folgenden bewegte, diesen Personen gern und aktiv zu folgen.

: Würden Sie, wenn Sie eine Würstchenbude aufmachen, auf die Hamburgerkonkurrenz um die Ecke hinweisen? ;-)))
Hm. So eher nicht. Aber mit ihm einen Theaterkrieg verabreden, daß sich die Boulevardzeitungen biegen. Daß unsere "Fast Food Ecke" bekannt wird, und die nächste Sushi-Bude hinzukommt, und wir gemeinsam unseren Kunden eine große Auswahl bieten können...
Zum Dissens: Wir beide könnten die Vorteile der Fast-Food-Arten herausstellen, die Unterschiede, aber auch die Gemeinsamekeiten.
Und zum Konsens - vielleicht gelingt das Formulieren gemeinsamer Qualitätskriterien...vielleicht stellen wir sogar gemeinsam einen QMB ein...

Vielleicht gehen wir noch gemeinsam auf Tour wie der Ableger vom Hamburger Fiiiiiischmaaaaaaarkt.
:-)

: Aber davon abgesehen: Würden Sie als Kunde von jemandem eine Dienstleistung kaufen, der sie durch die Blume darauf aufmerksam macht, dass seine Methode aber durchaus diskussionswürdig ist?

Hängt von der Bedeutung von "diskussionswürdig" ab.
Auf keinen Fall werde ich meinen Kunden die Scheinsicherheit vormachen, meine Methode sei absolut sicher vor jeder Kritik. Ist weltfremd, allein die Behauptung signalisiert Selbstüberschätzung und deren Risiken.
Aber die momentanen Grenzen zeige ich durchaus - und damit, daß ich mir ihrer bewußt bin.

Ciao
Wolfgang Horn



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