Nachricht von Wolfgang Horn am 02. Juli 2003:
Im Bezug auf: Nachtrag: Wasserköpfe und Verhaltensforschung kommentiert von Frank Hergt am 02. Juli 2003:
Hi, Frank,
: Noch ein Nachtrag zu dem von Dir angesprochenen Wasserkopf. Ich bemühe hier nicht die Kulturlogik, sondern die Verhaltensforschung.
Gern. Ich sehe da auch keinen Widerspruch.
: Unsere Vorfahren sind in Gruppen von 10 bis 20 über die Steppe gezogen. An unseren Instinkten hat sich seitdem nichts geändert.
Möglicherweise habe ich eine Erklärung dafür, die einigermaßen auch für Ameisen zu gelten scheint, und mit der sich der Begriff "Instinkt" auch hier überflüssig machen läßt.
Völlig andere Verhältnisse haben wir in Bienen- und Ameisenstaaten. Ich habe in meiner Kindheit mal Ameisenstaaten beobachtet. Mir sind keine individuellen Unterschiede zwischen Ameisen aufgefallen und auch kein "mittleres Management". Vielleicht habe ich das auch nur übersehen.
Wieso können die trotz winzigem Gehirn eine ungeheuer größere Führungsspanne haben?
Versuch der Erklärung
Annahme: Von zwei Varianten einer Art besteht langfristig eher jene, die ihre Kräfte effizienter einsetzt. Die dieselben Ziele mit weniger Mühen erreicht.
Folgerung: In einer Gesellschaft, je besser wir uns auf unsere Mitmenschen einstellen können. Je besser wir sie kennen, ihr Verhalten schon vorab simulieren und unser darauf einstellen.
Je mehr Individuen in unserer Gesellschaft, desto mehr Gehirn brauchen wir dafür. Noch stärker geht die Variabilität des individuellen Verhaltens ein.
Von Ameisen vermute ich, daß ihr Verhalten fast vollständig durch die Gene gesteuert sind, daß die einzelne Ameise nur eine minimale Freiheit hat. Wenn alle Ameisen genau gleich reagieren, dann braucht die Königin nur das Verhalten einer Muster-Ameise kennen und sich darauf einstellen. Möglicherweise nicht mal das.
Das erinnert mich an die Fackelzüge und die Uniformen der Nazis - wem es gelingt, die individualität zu unterdrücken und seine Gesellschaft in eine Art Ameisenstaat zu verwandeln, der kann sich eine große Führungsspanne leisten.
Wer aber Individualität zuläßt, der muß sich auf viele Individuen einstellen, der muß die Führungsspanne reduzieren.
Daß er damit gleichzeitig die Kommunikationswege verlängert und seine Organisation an Flexibilität verliert, das steht auf einem anderen Blatt.
Folge: Die optimale Führungsspanne könnte durchaus genetisch begründet sein. Aber das muß sie nicht, sie läßt sich auch als Ergebnis von Gehirnkapazität und Individualität ableiten.
Ende des Versuchs der Begründung.
: Wenn es deutlich mehr als 10% Führungskräfte sind, hast Du den Wasserkopf.
Ich bin da brutaler. Ich unterscheide zwischen den Wertschaffenden, für deren Arbeit der Kunde gern zahlt, weil er das Ergebnis haben will.
Und zwischen denen, die bestenfalls die Produktivität der Wertschaffenden steigern, durch Koordination der Arbeit, neue Brillen und Werkzeuge.
Dies "bestenfalls" ist leider sehr selten...
: Vielleicht nützen Dir die Überlegungen ja für Deine Arbeit.
Wie Du gesehen hast.
Widersprüche und Einwände sind herzlich willkommen.
Ciao
Wolfgang Horn